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Leserbrief an die Augsburger Allgemeine

Glaubenskrieg um Globuli vom 13.7.2019

Sicherlich gehört die Homöopathie zu den Herausforderungen für einen naturwissenschaftlichen Geist, entsprechend verständlich mögen auf den ersten Blick die Zweifel über die Erstattungsfähigkeit durch die Krankenkassen in einem primär wissenschaftlich orientierten Gesundheitssystem erscheinen. Als leidenschaftlicher Arzt und ebenso leidenschaftlicher Homöopath finde ich einen zweiten und differenzierteren Blick lohnend:  Es gibt gute Gründe, warum die Homöopathie sich solcher Beliebtheit erfreut und warum sie seit weit über 200 Jahren weltweit viel tiefer verwurzelt ist, als die Gegner oder Skeptiker es gerne hätten: Zunächst ist das Argument falsch, es gäbe keinen Wirksamkeitsbeweis für die Homöopathie. Die Behauptung wird auch nicht richtiger wenn sie gezielt oder unrecheriert gebetsmühlenartig wiederholt wird. Es gibt vielfältige Studien, die sowohl die Wirksamkeit bei unterschiedlichen Erkrankungen, wie Schlafstörungen oder ADS bei Kindern beschreiben. Entgegen der falschen Behauptungen der Skeptiker kommen Metanalysen über viele verschiedene Wissenschaftsstudien zu einem positiven Ergebnis für die Homöopathie, wenn sie denn fair durchgeführt wurden. Der Effekt homöopathischer Kügelchen lässt sich an z. B. Wasserlinsen oder im Froschdarmversuch pharmakologisch standardisiert reproduzieren. Die Kosteneffektivität der Homöopathie ist gut belegt mit unterschiedlichen und durchwachsenen bis positiven Ergebnissen. Ich kann und muss als Arzt bei meinen Patienten eindeutig und klar den Plazeboeffekt von einer homöopathischen Wirkung unterscheiden, und teile dies mit tausenden von Ärzten mit der Zusatzbezeichnung Homöopathie in Deutschland und zehntausenden weltweit. Die Homöopathie hat ein eigenständiges der Methode angemessenes Dokumentations- und Wissenschaftssystem, und dazu noch eines der ältesten und erfahrensten der Neuzeit. Wer diese Ergebnisse und Erfahrungen ignoriert, folgt offensichtlich anderen Interessen, als der Wahrheitssuche oder dem Einsparungsgebot der Krankenkassen. 

Als weicheres, aber gewichtigeres Argument gerade für den Erhalt der Homöopathie im öffentlichen Gesundheitswesen könnte noch etwas ganz anderes ins auge gefasst werden: Der Sektor Homöopathie ist eine finanzielle Marginalie (ich meine 0,1% des Gesamtvolumens), und spielt dennoch eine große Rolle für vergleichsweise viele Patienten im gleichen Gesundheitswesen: Ich würde mal die Behauptung aufstellen, dass – sollten die Patienten keine homöopathische Alternative für ihre akuten, kleinen oder großen Beschwerden im Gesundheitssystem finden, wenden sie sich garantiert teureren Ressourcen zu oder werden ihnen zugeführt, um dort Zeit und Zuwendung von anderer Seite zu beanspruchen. Das wird dann sicher teuer, und ob diese Maßnahmen dann so hinwendungsvoll individualisiert zugewandt und gleichzeitig nebenwirkungsfrei effektiv sind, mag sich jeder selber ausdenken. In meine Praxis jedenfalls kommen viele Patienten und ihre Familien auch deswegen, weil sie sich in diesem Setting innerhalb des Gesundheitswesens gut aufgehoben fühlen und das sehr gerne auch parallel zu konventioneller Medizin, auch in meiner Praxis. Dabei müssen sie noch nicht mal an die Wirksamkeit der Homöopathie glauben. Sie funktioniert dennoch. Wie auch übrigens bei den vielen Landwirten, die aus ganz anderen Motiven zunehmend auf Homöopathie zurückgreifen in ihrer Tierhaltung.

Noch ein soziales Argument. Nimmt man die Homöopathie aus den Krankenkassenerstattungen, dann werden finanziell weniger gut aufgestellte Patienten immer weniger Zugang zu Homöopathie oder anderen komplementärmedizinischen Methoden behalten können. 

Und zu guter Letzt: Selbst wenn die Homöopathie nicht ausreichend Wirksamkeit und Effektivität beweisen würde, was sie ja nicht tut, dann wäre der Sparansatz im Gesundheitswesen andernorts geradezu eine Goldgrube: Knapp die Hälfte aller schulmedizinischen Verfahren, die etabliert täglich eingesetzt werden entziehen sich fraglich oder sogar erwiesenermaßen einer evidenzbasierten Wirksamkeit. Fair wäre, gleiche Maßstäbe für alle.